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Historie

Verbindung zwischen Bahnhof und Stadtzentrum

Im Jahre 1865 wurde zwischen Berlin und Charlottenburg die erste Straßenbahn Deutschlands in Betrieb genommen. Bereits ein Jahr später wurde in der Naumburger Zeitung der Vorschlag veröffentlicht, auf der Strecke vom Bahnhof über den Salzberg eine Pferdeeisenbahn zu bauen. Wie so oft war es der Krieg, der den Fortschritt zerschlug. Erst im Jahre 1885 legte der Ingenieur Paul Frohwein einen Plan für eine Dampfstraßenbahn mit einer Linienführung vom Bahnhof über den Georgenberg, Dom bis zum Jakobstor vor. Das Unternehmen scheiterte jedoch an Finanzierungsschwierigkeiten.
Man schrieb das Jahr 1889, als der Plan des Ingenieurs Kreyfeld angenommen wurde, der nunmehr eine Dampfstraßenbahn vorsah, mit der Strecke Bahnhof – Jägerplatz – Markt – Wenzelstor – Almrich: Ingenieur Kreyfeld erhielt hierfür am 07.10.1891 die Konzession, die er an die Firma Heyl in Charlottenburg verkaufte. Der Stadt selbst gestattete es die Finanzlage nicht, die Konzession zu übernehmen. Auf Vorschlag des damaligen Oberbürgermeisters Emil Kraatz wurde auf einer großen Bürgerversammlung im Mai 1892 die Gründung einer Naumburger Straßenbahnaktiengesellschaft beschlossen, bei der eine große Anzahl der Naumburger Bürger Gesellschafteranteile übernahm.

Der Bau der „Wilde Zicke“

Kurz nach Gründung der Aktiengesellschaft wurden telegrafisch die Schienen bestellt und schon nach 17 Tagen geliefert. Innerhalb von nur elf Wochen konnte die gesamte Strecke zwischen Bahnhof und Wenzelstor verlegt werden. Anfang September traf in Naumburg die erste Dampflokomotive ein. Schon am 15.09.1892 wurde der Dampfstraßenbahnverkehr feierlich eröffnet. Kapitalmangel verhinderte allerdings die volle Ausnutzung der streckenmässigen Konzession bis Almrich. Schon bald erwies sich der Unterbau des Gleises als zu schwach; der Verwaltungsapparat war zu aufgebläht. So kam es, dass die Gesellschaft schon im Jahre 1900 in Liquidation gehen musste.

Da alle Versuche scheiterten, musste die Bahn am 01.10.1900 in das Eigentum der Stadt Naumburg übernommen werden. Während mehrerer Jahre ging nun der Kampf darum, den Betrieb rentabel zu gestalten.

Naumburg erhält eine elektrische Ringbahn

Innerhalb kurzer Zeit wurde der Unterbau verändert und die gesamte Oberleitung errichtet. Die Straßenbahn verkehrte ab dem 02.01.1907 auf der Strecke Bahnhof – Markt – Salztor im 20-Minuten- Takt von 6.30 Uhr bis 0.30 Uhr in beiden Richtungen, der Fahrpreis betrug 10 Pfennige je Fahrt. Die Triebwagen fuhren schaffnerlos, so dass das Fahrgeld von den Fahrgästen in einen Zahlkasten entrichtet werden musste. Die Strecke wurde im Jahre 1908 bis zum Michaelistor erweitert. 1914 wurde die Strecke durch Weiterführung bis zum Bahnhof zu einem Ring geschlossen. Der weitere Ausbau nach Almrich, entsprechend der erteilten Konzession, scheiterte. Der Erste Weltkrieg mit seinen Folgeerscheinungen setzte einen Schlussstrich unter jeglichen Fortschritt. Der Zustand blieb außer einem neuen Triebwagen bis zum Zweiten Weltkrieg unverändert. Dank der stabilen Konstruktion der Triebwagen, sowie der guten Pflege konnte der Fahrbetrieb während dieser langen Zeit aufrechterhalten werden. Der Angriff der amerikanischen Bomber hatte auch die Straßenbahn betroffen. Dabei wurden die Strecke am Postring und ein Triebwagen zerstört. Am 12.09.1945 konnte nach kurzer Pause der Straßenbahnbetrieb wieder aufgenommen werden, vorerst nur in eine Richtung des Rings.

Die Ringbahn unter „sozialistischen Verhältnissen…“

In den ersten Jahren der noch recht jungen Republik konnten Verbesserungen bei der Naumburger Straßenbahn verzeichnet werden. So wurde bereits am 01.Mai 1951 das erste von zwei Neubaufahrzeugen in Betrieb genommen. Eine neue Gleichrichterstation wurde 1955 errichtet und die Werkstatt modernisiert. Der alte Wagenpark wurde durch acht einheitliche, umgebaute Triebwagen aus Leipzig ersetzt. Diese Typenreinheit ermöglichte dem Betrieb eine Senkung der Materialbestände. Die Stillstandzeiten der Wagen konnten erheblich gemindert werden, so dass in den Spitzenzeiten sieben Triebwagen im Einsatz waren.

Der Straßenbahnbetrieb wurde 1959 nach vierzehnjähriger Pause wieder in beiden Richtungen aufgenommen. Zwei Beiwagen trafen 1960 / 61 ein, welche von vornherein mit einem Sichtkartentriebwagen eingesetzt wurden. Fast alle Haltestellen erhielten neue Wartehallen des Typs „Berlin“. Nach und nach mussten die Leipziger Triebwagen durch „neue“ gebrauchte Fahrzeuge aus Halle ersetzt werden, da die Motoren und Fahrgestelle noch aus dem Jahre 1913 stammen. Der Beiwagenbetrieb konnte Anfang der 70er Jahre wieder eingestellt werden. Die Gleisanlagen und Triebwagen wurden mit der Zeit auf Verschleiß gefahren, da bereits eine Stilllegung erwogen wurde.

Der Erdölkrise vom Herbst 1973 und den Protesten der Naumburger Bevölkerung ist es zu verdanken, dass der Bahnbetrieb bestehen blieb. Trotz neuer Pläne, die eine Erweiterung der Bahn vorsahen, wurde im April 1976 der ringförmige Trassenverlauf aus der Innenstadt herausgenommen, da dieser Bereich zu einer Fußgängerzone umgestaltet wurde. Die Lage verschlechterte sich weiter bis zum August 1979, als der Bahnbetrieb zum völligen Stillstand kam. Innerhalb eines Monats wurden der Wagenpark und Gleiskörper behelfsmäßig überholt. Um den Bedarf gerecht zu werden, wurde die Ringstrecke 1981 über den Marienring wieder geschlossen.

Zu Beginn des Jahres 1982 wurde die Straßenbahn dem Kraftverkehr Zeitz als Bereich untergeordnet. Sieben neue Triebwagen konnten aus Halle übernommen werden, die jedoch die Umgestaltung der Gleisanlagen vor dem Depot erforderten. Der Fortbestand war für die nächsten Jahre gesichert. Ein reibungsloser Verkehr konnte garantiert werden. Anlässlich des 90jährigen Jubiläums der Ringbahn 1982 wurde im September ein Festwochenende veranstaltet. Danach gab es für die Tram kaum noch Anlässe zum Feiern. Die jahrelang geplante Gleiserneuerung ging nur schleppend voran. Einige Triebwagen wurden nach und nach verschrottet und durch Gebrauchtfahrzeuge aus Plauen und Gera ersetzt.

Ab dem 29.01.1986 musste der gesamte Bahnbetrieb abermals völlig eingestellt werden, nun jedoch für 18 Monate. Die Gleisanlagen wurden abermals nur behelfsmäßig überholt, während das Bahnstromunterwerk neu errichtet wurde. Mit einem 10-Minuten-Takt wurde der Straßenbahnbetrieb im Juni 1987 wieder aufgenommen, jedoch nur in einer Richtung. Das Zahlkastensystem wurde nun endlich durch das Entwertersystem abgelöst. Der Beiwagenbetrieb wurde Ende 1987 zum dritten Mal eingeführt, um die fast 8.000 Fahrgäste, die täglich die Bahn benutzten, sicher zu befördern. Zwei Straßenbahnzüge wurden im folgenden Jahr aus Plauen überführt.

Die Wende zur Marktwirtschaft

Die Zeit der Wende brachte für die Naumburger Straßenbahn neue Probleme. Einerseits gingen die Fahrgastzahlen um über die Hälfte zurück und andererseits war ein Weiterbetreiben der Ringbahn unter den schlechten Bedingungen und Zuständen auf Dauer kaum möglich. Das Aus der „Ille“ deutete sich an.
Doch die Naumburger waren bereit für ihre Bahn zu kämpfen. Eine Initiativgruppe zur Rettung der Straßenbahn wurde gegründet, Unterschriften gesammelt und Rundbriefe geschrieben, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Viele Straßenbahnbetriebe waren bereit, Gleis- und Fahrleitungsmaterialien sowie Fahrzeuge dem Betrieb kostenlos zu überlassen. Viele Angebote blieben jedoch unbeantwortet, da noch nicht einmal die Eigentumsfrage geklärt war und ein Konzept erst seitens der Stadt in Auftrag gegeben wurde. In den letzen Betriebsmonaten kamen viele Gäste und Bahnfans nach Naumburg, um noch rechtzeitig ein Stück Tradition zu erleben. Kontakte mit Gleichgesinnten aus nah und fern wurden geknüpft, um eine Stilllegung zu verhindern. Am 18. August 1991 wurde infolge von Straßenbaumaßnahmen in der Bahnhofstraße der Bahnbetrieb vorübergehend eingestellt. Der Stadtrat entschied sich mit großer Mehrheit trotz aller Schwierigkeiten für den Erhalt der Straßenbahn. Während dieser Zeit wurden neue Gleise in der Jäger- und Bahnhofstraße verlegt sowie zwei neue Triebwagen beschafft. Da etwa die Hälfte der Fördermittel 1991 nicht genutzt wurden, blieben diese in den Folgejahren aus. Zudem gab es auch kein eindeutiges Votum der Stadt für den Erhalt der Straßenbahn. Begonnene Gleisbauarbeiten konnten deshalb nicht beendet werden, so dass eine Betriebsaufnahme nicht mehr möglich war. Anstelle der Straßenbahn wurde ab 1993 ein neuer Stadtbusverkehr mit drei Linien eingeführt.

Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums 1992 pendelte ein Wagen nochmals auf einem kleinen Streckenabschnitt. Danach wurden große Teile der Gleisanlagen unter Asphalt begraben, Wagen verschrottet und Fahrleitungsanlagen großzügig demontiert. Den vielzähligen Bekenntnissen der Stadt zum Erhalt der Straßenbahn folgten jedoch keine Taten. Im Jahre 1993 wurde nochmals ein Beschluss gefasst, die Straßenbahn für touristische Zwecke zu erhalten und an eine private Betreibergesellschaft langfristig zu verpachten.

Im Jahre 1994 wurde der gesamte Straßenbahnbetrieb an die von Straßenbahnfreunden neu gegründete Naumburger Straßenbahn GmbH langfristig verpachtet. Die GmbH wird unterstützt vom Verein „Nahverkehrsfreunde Naumburg – Jena e.V.“. Seit 1994 konnten die Aktivisten einen tageweisen Betrieb auf einem Reststück der Strecke durchführen, mit dem Depot als Ausgangspunkt. Dieses Reststück wurde immer länger, von 250 Metern 1994 bis 2.5 Kilometer heute. Von 1994 bis 1999 stand die Naumburger Straßenbahn nur tageweise in Betrieb.

Im Dezember 1998 vereinbarten Stadt und Straßenbahn GmbH einen neuen Vertrag. Da die Stadt gegen die Wiederinbetriebnahme des Rings war, erklärten sich die Gesellschafter bereit, auf den Streckenabschnitt Salztor – Moritzberg – Hauptbahnhof zu verzichten. Als Gegenleistung erklärte sich die Stadt Naumburg bereit, für den Wiederaufbau der Strecke vom Hauptbahnhof bis zum Salztor grosse Unterstützung zu leisten.

Ab 1999 hat die Stadt Naumburg im Rahmen der Landesinitiative „Urban 21“ weite Teile der Straßenbahn-Strecke Hauptbahnhof – Vogelwiese grundhaft erneuert bzw. instand gesetzt. Ein besonderer Schritt war 2004 die Neueröffnung der Strecke vom Jägerplatz zum Hauptbahnhof.

Seit 2007 wieder täglich

Nach Erhalt einer Dauergenehmigung für einen Linienverkehr war es ab 2000 möglich, die Bahn einmal pro Monat und zusätzlich zu besonderen Anlässen der Stadt, sowie auf Vorbestellung fahren zu lassen. In Vorbereitung auf einen geplanten Dauerbetrieb wurde eine Bereinigung des vorhandenen Wagenparks vorgenommen. Die Gesellschaft trennte sich von verschiedenen Fahrzeugen, vor allem Einrichtungstriebwagen, die auf absehbare Zeit nicht zum Einsatz kommen konnten. Für den geplanten Fahrbetrieb als Touristenbahn wurden dafür gebrauchte Zweirichtungswagen aus Jena aus der Zeit der ehemaligen DDR beschafft, die sich in einem wesentlich besseren Zustand befanden und noch heute bewusst den Charakter einer Kleinstadt-Straßenbahn vermitteln.

Ab April 2006 stand die Straßenbahn bis Oktober bereits jedes Wochenende im Einsatz. Und am 30. März 2007 eröffnete die Naumburger Straßenbahn GmbH auf eigene Initiative den täglichen Betrieb, befristet bis zum 31. Oktober 2007. Die Finanzierung der ungedeckten Kosten wurde aus privaten Mitteln angegangen. Bereits an der Eröffnungsfeier überraschte Dr. Karl-Heinz Daehre, Verkehrsminister des Landes Sachsen-Anhalt, die Gäste mit der Ankündigung, das Land werde sich an den ungedeckten Kosten des Probebetriebs beteiligen. Diese Mittel haben es der Naumburger Straßenbahn GmbH erlaubt, den Probebetrieb auf einer sicheren finanziellen Basis durchzuführen. Das schätzen sowohl die aktuell acht Mitarbeiter, die sich die sieben neu geschaffenen Stellen teilen, wie auch die Fahrgäste.

Die Zahl der Fahrgäste hat sich während des 4-Jahre-Probebetriebs stetig erhöht. Deshalb hat das Land Sachsen-Anhalt eine weitere Zusage gegeben: Der Magdeburger Landtag verabschiedete im Dezember 2010 eine Gesetzesänderung, mit der die Bahn in den Öffentlichen Personennahverkehr Sachsen-Anhalts integriert wurde und auf besondere Weise bezuschusst werden kann. Die Straßenbahn ist neben den Bahnen in Halle, Magdeburg, Dessau und Halberstadt die fünfte, die finanziell unterstützt wird. Auch der Gemeinderat der Stadt Naumburg hat 2012 einstimmig beschlossen, einen Anteil der ungedeckten Kosten zu übernehmen. Die Aufgabenträgerschaft übernimmt der Burgenlandkreis. Damit steht die Naumburger Straßenbahn weiterhin täglich in Betrieb.